Oktober 2011 - Ayurveda Fachartikel von Dr. Hans H. Rhyner

Antidepressiva - bittersüßes Pillenglück

Ayurveda und die Psyche

Im Chatforum zum Schweizer Konsumentenmagazin „Beobachter“ berichtet eine Betroffene:

„Meiner 17-jährige Tochter, die zeitweise aufgrund totaler Lethargie, den üblichen körperlichen Symptomen wie Kopf- und Bauchweh, Schlafstörungen etc. morgens nicht aus dem Bett kam, wurde vom Hausarzt das "leichte" Antidepressiva Fluctin verschrieben.

 

Meine Bedenken wischte er beiseite mit dem Hinweis, es zeige keinerlei Nebenwirkungen. Am 21. Tag beging sie für uns total überraschend Suizid.“

Soll man das Gehirn behandeln, wenn die Psyche krank ist, fragt der bekannte Pharmazeut und Autor Felix Hasler in seiner Streitschrift „Wem helfen Pillen?“

Jede Menge kontroverser Studien teilen das Lager der Befürworter von den Gegnern wie der oben zitierten Mutter aber auch vielen Wissenschaftler wie Dr. Hasler.

Warnen tun sie aber alle davor, dieselben Mittel plötzlich abzusetzen oder zu reduzieren, was zu erheblichen psychischen oder physischen Reaktionen führen soll. Ja super, da hat die Pharmaindustrie das Huhn, das goldene Eier legt, erfunden. Man springt von der nächsten Klippe, wenn man sie einmal genommen hat und dann absetzt.

 

Die logische Folgerung: Wir müssen alles unternehmen, damit wir niemals in eine Situation geraten, in der wir dieses Teufelszeug einnehmen müssen! Die Chance, dass dem aber so ist, wird leider von Jahr zu Jahr kleiner, denn in Ländern mit überdurchschnittlich hohem Einkommen leiden früher oder später 15 % der Bevölkerung an einer depressiven Störung.

In der Schweiz rechnet man sogar mit einem Anteil von 20 %.

Hasler schreibt weiter: „Die Reduktion psychischer Störungen auf eine gestörte Chemie des Gehirns hat zu einer massenhaften und oft unkritischen Verschreibung von Medikamenten geführt. Ganz besonders bei der Behandlung der «Volkskrankheit» Depression: Gerade die Antidepressiva standen lange Zeit im Ruf, zuverlässige, sichere und nebenwirkungsarme Medikamente zu sein.

 

Doch immer mehr Fachleute kritisieren die biologische Psychiatrie genauso wie den flächendeckenden Einsatz von Psychopharmaka. Einige sprechen gar von einem «Fundamentalirrtum» und behaupten, die bevorzugte Behandlung depressiver Störungen mit Medikamenten habe zu einer Chronifizierung der Krankheit geführt, im schlimmsten Fall gar zur Invalidisierung von Patienten.“

In meiner Schweizer Praxis arbeite ich mit zwei Psychiatern zusammen, die nicht dem Megatrend der Verschreibungswut folgen. Es ist ein trauriger Fakt, wie viele psychisch Kranke völlig invalidisiert sind.

 

Das ist nicht nur ein Problem für die Betroffenen, sondern auch eine Belastung für das Sozialwesen. Der eine Arzt erzählte mir, dass wenn er eine invalide Patientin oder Patienten wieder in ein normales Leben zurückführen könne, dies eine Ersparnis für den Staat von 1.2 Millionen Euro bedeute. Wie also können wir depressiven Menschen ganzheitlich helfen?

Den Begriff Depression finden wir in der klassischen Ayurveda Literatur als Vishada unter der Gruppe von Unmada – psychische Erkrankungen beschrieben. Zudem werden psychische Beschwerden bei verschiedenen Autoren unter Manovaha Shrota behandelt. Die Psyche wird wie folgt definiert: tarkasangraha-mana-manas, nämlich als Instrument der Kognition, welches Freude und Leid wahrnimmt.

 

Die Fähigkeiten der Psyche sind Gedächtnis (smriti) – womit auch Erinnerung an das wirkliche Selbst gemeint ist, Differenzierungsvermögen (buddhi oder dhi) und flüchtig (dhruti).

Die drei Ommnisubstanzen (triguna) bestimmen die Qualität der Psyche: Unter Einfluss der hellen, positiven Energie sattva ist sie besonnen, ruhig, idealistisch, nicht selbstzentriert, unter Einfluss der aktiven Energie rajas ist sie leidenschaftlich, ehrgeizig, zielgerichtet, emotional und unter der trägen, dunklen Energie tamas wirkt sie uninteressiert, ignorant und unbeweglich. Wenn die beiden letzteren rajas und tamas die Oberhand gewinnen, dann verursachen sie psychische Störungen. Sattva dagegen erhält und verstärkt die psychische Immunität und wirkt niemals psychopathologisch.

Als wichtigste Ursache einer psychologischen Störung werden die drei Arten von ungesundem Kontakt der Sinnesorgane mit ihren Objekten beschrieben:

 

  1. mangelnder Sinneskontakt
  2. extremer, einseitiger Sinneskontakt
  3. traumatisierender Sinneskontakt

 

Sie führen zu einer Zunahme von rajas und tamas und so nimmt die Pathogenese ihren Lauf, zuerst auf einer feinstofflichen Ebene, später entwickeln sich dann auch somatische Symptome. Wut, Eifersucht, Neid, Angst, Trauer, Starrköpfigkeit, Gier, Lust, Aggression entwickeln sehr viel rajas und tamas und zerstören das psychische Gleichgewicht. Deshalb lautet das wichtigste Behandlungsprinzip sattvavajaya oder das Verstärken von sattva. Folgende Maßnahmen entwickeln sattva und werden als kurative, psychologische Konzepte eingesetzt:

 

  1. Jnana: Aneignung von ganzheitlichem Wissen, was in diesem Zusammenhang Wissen über sein wirkliches Selbst bedeutet
  2. Vijnana: Praktisches Wissen, mittels dem ich einen gesunden Umgang mit meiner Umwelt und sozialen Umfeld pflegen kann
  3. Dhairya: Womit eine Stärkung der psychischen Toleranz gegenüber Stresssituationen gemeint ist
  4. Smriti
  5. Samadhi

 

Die Rolle von medhya rasayana, Medikamente, welche Unterscheidungsvermögen, Gedächtnis, Verständnis sowie generell die psychische Immunität fördern und psychisch aufhellend wirken, spielen ein wichtige Rolle in der Behandlung von Depressionen. Zum Einsatz kommen dafür vor allem Brahmi (Bacopa monnieri), Gotukola (Centella asiatica), Jatamansi (Nardostachys jatamansi), Shankapushpi (Clitoria ternatea), Kalmus, Lavender und Johanniskraut.

Eine psychisch aufhellende Wirkung wird auch allen aphrodisierenden (vajikarana) Pflanzen zugeschrieben: Ashwagandha (Withania somnifera), Shatavari (Asparagus racemosus) oder Safed Musli (Chlorophytum borivilianum).

 

Ein wichtiges Werkzeug für die erfolgreiche und anhaltende Behandlung von Depression sind Pancakarma Kuren. Dabei wird der ganze Organismus effektiv entschlackt, wobei auch die chemischen Wirksubtanzen rasch ausgeschieden werden.

 

Die Entzugserscheinungen, die neben der eigentlichen Behandlung der Depression zwingend mit intensiver persönlicher Betreuung in einem geschützten Umfeld angegangen werden müssen, sind dabei wohl die größte Herausforderung sowie Gefahrenpotential. Deshalb dürfen Therapien, wobei Seratoninwiederaufnahmehemmer aber auch andere Antidepressiva und Beruhigungsmittel abgesetzt werden sollen, wirklich nur von kompetenten Fachleuten unter ständiger Kontrolle durchgeführt werden. Die Bereitschaft und Einsicht der oder des Betroffenen spielen dabei eine primäre Rolle. Sie müssen gezielt unterstütz werden, denn der Weg zu einem Leben ohne das kurz andauernde und mit bedrohlichen Nebenwirkungen verbundene Pillenglück ist ein harter.

 

Sehr wirkungsvolle Instrumente, die ich bei Pancakarma Kuren einsetze, sind Heilrituale sowie meditative und spirituelle Praktiken im Rahmen des Yoga Systems und Vedanta. Sie werden von den Klienten durchwegs immer sehr positiv aufgenommen.

Dabei ist es natürlich notwendig, dass solche Rituale und Praktiken auf das Verständnispotential und emotionale Feld des Klienten angepasst werden.

Mehr als ein Drittel der bei mir in Behandlung stehenden Klienten leiden unter Depression. Die Erfolge, die ich täglich mit ayurvedischen Therapien erzielen kann, sind schlichtweg überwältigend und ein wunderbares Geschenk der auf allen materiellen und geistigen Ebenen wirkenden Ayurveda.

 

om tat sat

 

 

Mehr Informationen über die Arbeit von Dr. Rhyner finden Sie auf der Website seiner Praxis in der Schweiz oder im Wiener Ayurveda Centrum.

Infotelefon: +43/(0) 1 40 555 87

www.ayurveda-rhyner.choder www.ayurveda-rhyner.com

 

Er bietet Konsultationen, Beratungen, Ayurvedakuren, Ausbildungen und Workshops an. 2012 ist das Jubiläumsjahr von Dr. Rhyner – 30 Jahre Ayurveda!

 

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